„International in allen Altersklassen vertreten“

  20.10.2026    WLV Top-News WLV Wettkampf BLV Top-News BLV BLV-Wettkampf BW-Leichtathletik Top-News BW-Leichtathletik Wettkampfsport
Artur Hoppe hat als Landestrainer für Kugelstoß und Diskuswurf genauso hohe Ziele wie früher als Athlet. „Mein Ziel ist es, immer sechs Athletinnen und Athleten bei internationalen Meisterschaften am Start zu haben“, sagt der Coach. Bei der EM in Birmingham konnte er immerhin drei Athletinnen und Athleten betreuen. Mit Clesio de Carvalho, U-18-Europameister, trainiert er ein Versprechen für die Zukunft.

Herr Hoppe, die Saison 2026 ist beendet, was war für Sie Ihr persönliches Highlight?

Hoppe: Das war auf alle Fälle die Europameisterschaft in Birmingham. Insgesamt war das Abschneiden von Yemisi Mabry, Nina Ndubuisi und Erik Maihöfer von den Platzierungen her zufriedenstellend, aber sie haben nicht die Leistungen gezeigt, die sie schon im Training gezeigt hatten. Aus unterschiedlichen Gründen.

Denken Sie an alle Drei? 

Hoppe: Ja. Erik hatte ein Technikproblem, weil er im Endkampf nach der Qualifikation sehr nervös war. In der Quali wurde ihm ein sehr weiter Stoß, der etwa 20,50 Meter weit war, ungültig gegeben. Dabei hat er selbst nach der Überprüfung der Fernsehbilder gültig ausgesehen. Das hat ihn ein bisschen aus seinem Rhythmus gebracht. Im Finale wollte er dann alle Versuche hundertprozentig gültig machen - genau das Gegenteil ist passiert. Er war übersteuert und alle drei Versuche waren ungültig.

Das tat sicher weh. 

Hoppe: Auf jeden Fall, das gehört aber zu einem Lernprozess dazu. Es war sein erstes Finale bei einer Europameisterschaft. Ich hoffe, dass er nach dieser Erfahrung im nächsten Jahr beim Höhepunkt Weltmeisterschaft dann zeigen kann, was er drauf hat.

Besser lief es bei den Frauen: Yemisi Mabry hatte die erste Medaille für Deutschland geholt. 

Hoppe: Mit den Leistungen der Mädchen bin ich absolut zufrieden. Yemi wollte unbedingt eine Medaille. Mit Bronze hat sie diese gewonnen. Und Nina wollte unter die Top-Acht. Das hat sie auch geschafft. 

Wenn auch mit viel Zittern vor dem dritten Durchgang. 

Hoppe: Nina steht mit ihren 21 Jahren erst am Anfang ihrer Karriere. Dafür hat sie es mega gelöst. Wie auch schon bei den Deutschen Meisterschaften hat sie gezeigt, dass sie unter Druck abliefern kann. Sie konnte sich im dritten Durchgang noch einmal steigern und durfte wegen einem Zentimeter mehr noch einmal drei Stöße machen. Sie hat zum ersten Mal bei den Großen reingeschnuppert. Bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles soll sie weitere Erfahrungen sammeln und dann hat sie, wenn sie dabeibleibt, 2032 bei den Spielen in Brisbane alle Chance.   

Kann sie auf dem Weg dahin von Olympiasiegerin Yemisi Mabry profitieren? 

Hoppe: Schon beim Pre-Camp in Kienbaum war es schön zu sehen, wie Yemi Nina mitgenommen hat. Sie hat ihr vieles erklärt, hat ihr von den Fehlern berichtet, die sie gemacht hat in der Hoffnung, dass Nina ähnliche Erfahrungen erspart bleiben.

Nina Ndubuisi studiert in den USA. Wie läuft bei ihr das Coaching?     

Hoppe: Eigentlich ganz gut. Mit Don Babbitt schreibe ich regelmäßig. Dabei profitieren wir gegenseitig von unseren Erfahrungen und tauschen uns aus. Im letzten Jahr hat Nina von Austin nach Georgia gewechselt. Damals lief es auch schon ganz gut, lediglich der Austausch war nicht so intensiv wie jetzt mit Don Babbitt. Leider ist die Trainingsgruppe und die Konkurrenz in Georgia nicht mehr so stark wie in Austin. Das braucht Nina und hat ihr deshalb am meisten gefehlt. 

Welches Potenzial in Clesio de Carvalho steckt, hat er mit dem einzigen 20-Meter-Stoß der Konkurrenz bei der U-18-EM in Rieti gezeigt. Sagen Sie bei ihm auch: Ja, aber…? 

Hoppe: Kugelstoßen war am Anfang der Saison unser Plan B. Nachdem er wegen der Mittlere-Reife-Prüfung viel Stress in der Schule hatte, habe ich gemerkt, dass vor allem im Diskuswerfen der Fokus auf die Technik verloren gegangen ist. Weil das Kugelstoßen lief, haben wir vor den Deutschen Meisterschaften die Kugel sogar ein wenig zur Seite gelegt. Zwar konnte er seinen Meistertitel verteidigen, aber sowohl die Weite als auch die Konstanz waren nicht befriedigend. So viele ungültige Würfe wie in diesem Jahr hatte Clesio während seiner ganzen Karriere noch nicht gehabt. Deswegen haben wir uns für Kugelstoßen bei der U-18-EM entschieden.

Was keine schlechte Entscheidung war.

Hoppe: Richtig. Am Ende war es goldrichtig. 

Gab es außerhalb dieser beiden Meisterschaften Leistungen, über die Sie sich besonders gefreut haben?

Hoppe: Gefreut haben mich Anna-Maria Weber und Antonia Heberle. Es war nicht ganz klar, dass sie sich für die U-20-WM in Eugene qualifizieren können, weil das Niveau speziell im Diskuswerfen in Deutschland so hoch ist. Auch im Kugelstoßen hatten vier Mädels die Qualinorm erfüllt gehabt. Dass sich meine beiden Mädels bei den Deutschen Meisterschaften behaupten konnten – Anna-Maria mit baden-württembergischem Rekord von 54,38 Metern und Toni mit persönlicher Bestmarke von 15,23 Meter – hat mich riesig gefreut. Dass sie am Tag X performt haben, darüber war ich einerseits überrascht, aber auch froh.   

In der deutschen Bestenliste gehören in allen Altersklassen bei den Frauen und bei den Männern mindestens eine Athletin oder ein Athlet aus Baden-Württemberg zu den Top-drei. 

Hoppe: Bei den Aktiven im Kugelstoßen stellt Stuttgart regelmäßig einen großen Teil der deutschen Spitze – häufig kommen fünf der Top-ten aus unserem Umfeld. Auch wenn der eine oder die andere mittlerweile an einem anderen Stützpunkt trainiert, waren einige zuvor in Stuttgart.

Welche Perspektiven haben sie?

Hoppe: Es bringt auf alle Fälle viel Arbeit mit sich. (lacht) 

Aber positive Arbeit.

Hoppe: Auf jeden Fall. Was den Bereich Wurf anbelangt, bin ich der einzige hauptamtliche Trainer. Von mir sind international Athletinnen und Athleten in allen Altersklassen vertreten. Das ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit, nicht nur von mir, sondern vor allem von Peter Salzer, der damit vor mehr als 20 Jahren damit angefangen hat. Er hat es dann peu à peu an Markus Reichle, an David Wrobel, an Carolin Streipart und an mich weitergegeben. Jetzt zahlt sich die jahrelange Arbeit von vielen Personen aus. Wir sind alle am Stützpunkt Stuttgart groß geworden und haben Leistungssport auf einem hohen Niveau betrieben groß geworden. Und arbeiten jetzt auch als Trainer auf einem hohen Niveau.

Also im doppelten Sinn gute Nachwuchsarbeit? 

Hoppe: So kann man es sagen, auf jeden Fall. 

Sie waren als Athlet ein Pionier in Sachen Drehstoßtechnik. Gab’s eine Initialzündung? 

Hoppe: Ja, das war Rolf Oesterreich. Der Drehstoßpionier aus Chemnitz hat vor vielen Jahren beim Nikolauslehrgang in Schwäbisch Gmünd eine Fortbildung gehalten. Bei mir war das zunächst noch unbewusst, aber danach hat sich Baden-Württemberg angefangen, mit dieser Technik zu beschäftigen. Mein ehemaliger Trainer Peter Ogiolda befand sich damals kurz vor dem Ruhestand und hat deshalb gesagt: „In diese Technik werde ich nicht mehr intensiv einsteigen.“ Aber Peter Salzer hat dann jahrelang sehr intensiv mit Rolf Oesterreich zusammengearbeitet und die Grundlage im Nachwuchsbereich gelegt.

Haben die beiden Drehungen im Kugelstoßen und Diskuswurf Gemeinsamkeiten?

Hoppe: Natürlich. Für jeden Kugelstoßer und Diskuswerfer ist die Dreherfahrung, die sie in jungen Jahren gelernt haben, sehr sehr wichtig. Aber es gibt auch größere Unterschiede. Deshalb muss man sehr früh in der Jugend entscheiden, ob es in Richtung Kugel oder Diskus geht. Dann kann man schon ein paar Schwerpunkte setzen. Klar kann man den Diskus wie ein Drehstoßer werfen oder die Kugel wie ein Diskuswerfer stoßen. Die Toptrainer erkennen das sofort, wer von wo kommt. Aber es ergänzt sich auf jeden Fall.   

Welche Ihrer Erfahrungen, die Sie als Athlet gesammelt haben, können Sie an Ihre Athleten weitergeben?

Hoppe: Viel zu viele. Die meisten waren durch meine häufigen Verletzungen negativ. Aber es gibt zwei Kernelemente: Viel hilft nicht immer viel. Und man braucht Geduld.

Wagen wir einen Ausblick auf die Saison 2027. Wer hat welche großen Ziele vor sich?

Hoppe: Ich möchte auf jeden Fall meine drei Jungs Erik Maihöfer, Tizian Lauria und Silas Ristl bei den internationalen Meisterschaften dabei haben, am besten auch drei Mädels. Welche drei Mädels? Am liebsten natürlich unsere. Aber da haben wir viele Anwärterinnen: Yemisi Mabry, Alina Korecki, Nina Ndubusi und Kathi Maisch aus Chemnitz, die ursprünglich von hier kommt. Wenn alle die Norm schaffen, dann wird sich das bei den Deutschen Meisterschaften entscheiden. Mein Ziel ist es, immer sechs Athletinnen und Athleten bei internationalen Meisterschaften am Start zu haben. Und beim Nachwuchs einen oder zwei, je nachdem, wie viele wir gerade haben. 

Das Gespräch führte Klaus-Eckhard Jost

Klaus-Eckhard Jost/ blv